Osterloh und Mohrs wollen Projekt „Starthilfe“ helfen
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Trotz der Dauerkrise bei Volkswagen gilt Wolfsburg nach wie vor als vergleichsweise reiche Stadt. Da passt eine Zahl so gar nicht ins Bild: Laut dem Projekt „Starthilfe“ ist jedes sechste Kind in Wolfsburg von Armut betroffen. Genau diesen Kindern hilft das Gemeinschaftsprojekt von Stadt und Volkswagen, ist dabei allerdings auf Spenden angewiesen. Doch die Spendenbereitschaft habe „dramatisch abgenommen”, sagt Starthilfe-Vertreter Frank Poerschke. „Das muss sich ändern!“
Die ursprüngliche Idee zum Starthilfe-Projekt hatten 2008 der damalige Chef des VW-Betriebsrates, Bernd Osterloh, und der damalige Dezernent und spätere Oberbürgermeister der Stadt Wolfsburg, Klaus Mohrs. „Mir haben damals vier Schuldirektoren erzählt, dass 60 Prozent der Kinder bis zum Schulschluss nichts zu essen haben”, berichtet Mohrs. Das habe ihn schockiert: „Wie sollen diese Kinder denn vernünftig lernen?“
Als er davon gehört habe, sagt Bernd Osterloh, sei ihm sofort klar gewesen: „Wir müssen handeln!“ Der inoffizielle Startschuss fiel so, wie es sich damals nur Bernd Osterloh erlauben konnte: „Ich habe die Problematik im Rahmen des Adventsgesprächs von VW und Stadt angesprochen und bin dann an den Tisch des Konzernvorstands gegangen und habe die Vorstände um eine Spende für bedürftige Kinder gebeten.“ Die Reaktion der Manager habe Bände gesprochen: „Denen war gar nicht klar, dass es in Wolfsburg Kinderarmut gibt...“

Klaus Mohrs ergänzt: „Das Ausmaß war und ist vielen Menschen bis heute nicht bewusst“, sagt er. Umso notwendiger sei das Starthilfe-Projekt bis heute: Natürlich habe sich die Welt in den vergangenen 18 Jahren verändert – aber das grundsätzliche Problem der Kinderarmut ist geblieben." Wobei die Starthilfe-Verantwortlichen „Bedürftigkeit“ nicht nur am Geld festmachen: „Sie bedeutet auch geringere Bildungs-, Gesundheits- und Teilhabechancen“, betont Frank Poerschke.
Er nennt eine Zahl: „3.473 von 22.857 Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren lebten 2025 im SGB II-Bezug“. Damit ist die staatliche Grundsicherung gemeint. Diesen Kindern und Jugendlichen wolle die Initiative Starthilfe „so etwas wie Chancengleichheit ermöglichen“, sagt Frank Poerschke.
Von VW und Stadt gegründet
Das Projekt wurde von 18 Jahren als gemeinsames Projekt von Volkswagen, VW-Betriebsrat, IG Metall und weiteren Partnern gegründet. Man holte die Kirchen und Wohlfahrtsverbände ins Boot. Das Ziel damals wie heute: Unter dem Dach von Tabula e.V. werden Kitas, Familienzentren und Grundschulen in Wolfsburg gefördert, „in denen Armut besonders sichtbar ist – und wo pädagogische Fachkräfte tagtäglich versuchen, Kindern faire Startbedingungen zu ermöglichen“, so Poerschke.
Konkret fördere man 24 Kitas, sechs Grundschulen sowie Familienzentren und die Oberschule Fallersleben. In diesen Einrichtungen gebe es einen hohen Anteil an Kindern aus einkommensschwachen Familien, aus nicht-deutschsprachigen Haushalten, deren Eltern ein niedriges Bildungsniveau haben oder die von Alleinerziehenden betreut werden. Auch hier wird Poerschke konkret: „Für das Kita- und Schuljahr 2025/26 wurden rund 40 Projekte mit einem Gesamtvolumen von rund 85.000 Euro bewilligt.“ Die Entscheidung über die Projekte trifft der Förderverein Tabula – Starthilfe ist mittlerweile ein Teilprojekt dieses Vereins.
Ausflüge und Gewaltprävention
Bei diesen Projekten geht es längst nicht mehr nur um ein gesundes Schul- oder Kita-Frühstück. So fördert Starthilfe beispielsweise Schwimmkurse im Hallenbad Sandkamp („Wassergewöhnung“), Musikprojekte und Ausflüge in Tierparks, Resilienz-Training (Gewaltprävention) oder Projekte zum respektvollen Miteinander. „Hier geht es beispielsweise um Mobbing“, erklärt Frank Poerschke. „Ein Kind soll dabei lernen, Grenzen zu setzen oder wann es sich an seine Erzieherin wenden sollte – statt zuzuschlagen.“
In anderen Projekten geht es um Waldpädagogik oder um die Arbeit mit einem Therapiehund – um eine unruhige Kita-Gruppe zu beruhigen. Wichtig ist dem Starthilfe-Team auch die Zusammenarbeit mit dem Phaeno: „Hier lernen die Kinder spielerisch naturwissenschaftliche Zusammenhänge kennen“, erklärt Poerschke.
Wirtschaftskrise trifft die Schwächsten
Bei all diesen Projekten ist neben einer Anschubfinanzierung vor allem Geduld gefragt: „Manche Erfolge sehen wir erst nach 20 Jahren“, sagt Ex-OB Klaus Mohrs. Was bei allen Projekten gleich ist: Sie sind aus Spenden finanziert. Aber: „Die Spendenbereitschaft von Unternehmen und Institutionen sinkt dramatisch“, hat Frank Poerschke festgestellt. Die wirtschaftliche Krise schlage auch in diesem Bereich voll durch. Dabei treffe sie nun ausgerechnet die Menschen, die ohnehin geringere Chancen haben als andere.
Starthilfe nicht sterben lassen
Klaus Mohrs und Bernd Osterloh appellieren deswegen an alle Wolfsburger, ihr gemeinsames Baby „Starthilfe“ nicht sterben zu lassen: „Wir haben schon so vielen Kindern auf ihren Weg in die Zukunft geholfen“, sagt Mohrs. Eben mit der Hilfe von Spendern: „Das macht mir Mut, dass wir auch in Zukunft noch vielen Kindern helfen können...“
WAZ 15.08.2026 von Carsten Bischof

